Landschaften mit Wildtieren teilen: Besonderes Merkmal über Pastoralsysteme und große Beutegreifer
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Eine umfangreiche Sammlung interdisziplinärer Forschungsergebnisse, an der jahrelang gearbeitet wurde, ist unter dem Titel „Landschaften mit Wildtieren teilen: Konflikt und Koexistenz zwischen Weidesystemen mit hohem Naturwert und großen Raubtieren“ erschienen. Die Sonderausgabe, die in der Fachzeitschrift „People and Nature“ erschienen ist, vereint 15 wissenschaftliche Beiträge zu Weide- und Weidelandsystemen in Europa, Amerika sowie Zentral- und Ostasien und bietet den bislang umfassendsten und interdisziplinärsten Überblick über die Koexistenz von Raubtieren und Weidewirtschaft.
Ein kritischer Moment in der europäischen Politik
Die Veröffentlichung kommt zu einem besonders aufgeladenen Zeitpunkt. Die umstrittene EU-Verordnung zur Wiederherstellung der Natur wurde 2024 in Kraft getreten und wird von den EU-Mitgliedstaaten umgesetzt. Die Europäische Kommission hat seitdem einen umstrittenen Vorschlag zur Verringerung des Schutzstatus von Wölfen im Rahmen der Habitat-Richtlinie angenommen, was zu heftigen Debatten auf dem gesamten Kontinent geführt hat. Gleichzeitig wird im Globalen Rahmen für die biologische Vielfalt anerkannt, dass Konflikte und die Koexistenz menschlicher Wildtiere erhebliche Auswirkungen auf die biologische Vielfalt haben, und es werden nun ausdrücklich Anstrengungen zur Minimierung von Konflikten und zur Gewährleistung einer sinnvollen Beteiligung der lokalen Gemeinschaften an der Entscheidungsfindung vorgeschrieben.
Vor diesem Hintergrund zielt das Special Feature darauf ab, die Art von integriertem, evidenzbasiertem Wissen bereitzustellen, das in der politischen Debatte manchmal fehlt.
Jenseits der Verzweiflung: Eine systemische Sicht
Hirtensysteme mit hohem Naturwert (HNV) werden als Eckpfeiler der europäischen Biodiversität, des kulturellen Erbes und der Erbringung von Ökosystemdienstleistungen anerkannt. Im Gegensatz zu intensiveren, konventionellen landwirtschaftlichen Systemen sind es für die HNV-Pastoralist*innen die landwirtschaftlichen Praktiken selbst, die es ermöglichen, dass wichtige Arten und Lebensräume in bestimmten Gebieten bestehen bleiben. Diese Systeme, die durch Herdenhaltung, Transhumanz und extensive Beweidung aufrechterhalten werden, stehen jedoch unter starkem Druck wirtschaftlicher, sozialer und ökologischer Faktoren. Die Rückkehr großer Fleischfresser fügt eine weitere Komplexitätsschicht hinzu.
Ein zentrales Ergebnis der Beiträge ist, dass die Auswirkungen von Fleischfressern, einschließlich der Entbehrung von Nutztieren, nicht isoliert angegangen werden können. In dem Leitartikel werden drei systemische Faktoren genannt, die die pastorale Resilienz – und damit die Fähigkeit zur Koexistenz – untergraben:
Verlust von Mobilität und gemeinsamen Ressourcen: die Erosion traditioneller Weidewege, saisonale Bewegungsmuster und gemeinsamer Landzugang.
Ungünstige Markt- und politische Rahmenbedingungen: wirtschaftlichen Druck und GAP-Anreize, die die pastoralen Gemeinschaften in Richtung Intensivierung oder Aufgabe treiben.
Veränderte soziale und institutionelle Kontexte: demografischer Wandel, Arbeitskräftemangel und Schwächung der lokalen Institutionen.
Die derzeitigen politischen Maßnahmen – die sich in der Regel auf den finanziellen Ausgleich für Tierverluste, Schutzmaßnahmen und Keulungsgenehmigungen konzentrieren – sind unzureichend, da diese tieferen strukturellen Schwachstellen nicht behoben werden.
Was bedeutet Koexistenz?
Die Artikel hören nicht bei der Diagnose auf. Beiträge aus verschiedenen Systemen – von der Rentierhaltung in Nordschweden und der Viehzucht in Frankreich, Italien, Rumänien, Österreich und Spanien über Weideland in Tibet und Kasachstan bis hin zu privaten Ranches in Chile-Patagonien – deuten ebenfalls auf günstige Bedingungen für ein nachhaltiges Zusammenleben hin.
Dazu gehören ortsbezogene und partizipative Ansätze, die Hirt*innen als Wissensträger behandeln, die Koproduktion von Wissen, das traditionelle und wissenschaftliche Expertise und Governance-Rahmen verbindet, die anpassungsfähig sind und auf nachhaltigem Vertrauen mit lokalen Gemeinschaften aufbauen.
„Vielen Dank an das ausgezeichnete Redaktionsteam, das Expert*innen für Großraubtiere und HNV-Pastoralismus zusammenbringt, und an unsere Autoren für ihre spannenden Beiträge. Die Sammlung der Beiträge in diesem Special Feature bietet den umfassendsten und interdisziplinäresten Überblick über das Zusammenleben in HNV-Pastoralismus Landschaften in Europa, der bisher veröffentlicht wurde.“ Katrina Marsden, Redakteurin, Autorin und Direktorin bei adelphi Research, ein CoCo-Partner.
Abschließend wird gefordert, die Agrar- und Erhaltungspolitik besser zu koordinieren und die Koexistenz nicht als ein zu erreichendes festes Ergebnis, sondern als einen iterativen, anpassungsfähigen Prozess zu behandeln, der langfristiges institutionelles Engagement erfordert. Das CoCo-Projekt zielt darauf ab, diese Herausforderung weiter anzugehen und einen „Fahrplan zur Koexistenz“ zu erstellen.